Reichtum kommt in vielen Währungen

«There are people who have money and there are people who are rich», sagte einst die berühmte Modedesignerin Coco Chanel. Reich sein scheint also nicht zwingend eine Frage des Geldes zu sein… doch was ist es dann? Familie? Freunde? Gesundheit? Erfolg? Selbsterfüllung? Vielleicht eine Prise von allem – oder von gar nichts. Vielleicht ist Reichtum auch wandelbar und abhängig von der Person, deren Alter oder Lebenssituation. Gerade in Zeiten von Corona ändert sich so manche Weltanschauung. Kleine Selbstverständlichkeiten des Alltags, denen man noch vor Kurzem kaum Beachtung geschenkt hat, werden nun erwartungsvoll herbeigesehnt. Getümmel, Gewusel und Gelächter. Wir vermissen, was wir zuvor kaum wahrgenommen haben. Und plötzlich haben wir wiederum eine grosse Menge des Gutes, das uns vorher manchmal unerreichbar erschien: Zeit. Perspektiven und Prioritäten ändern sich also. Zeit für eine Reflexion.
Der Beirat von ZWEI Wealth hat sich deshalb auf die Suche nach einer Antwort zur vielseitigen Frage «Was macht mein Leben reich?» gemacht. Über eine Zeitspanne von knapp zwölf Wochen wurden im letzten Jahr ganz unterschiedliche Menschen dazu eingeladen, sich mit Gastbeiträgen dieser Frage anzunehmen. Die Definitionen des Reichtums waren dabei so unterschiedlich, wie es Währungen gibt. So entstand eine Reihe von Texten und Gedankenanstössen, die dieses Themas in seiner Vielschichtigkeit ausloten. Sie sind nachzulesen auf dem Blog www.zwei-wealth.ch/reich. Die 24 schönsten Beiträge können Sie bei ZWEI Wealth als Sammelwerk bestellen.

Eine Fahrt durch Zu-reich

Ein Eyecatcher, unübersehbar auf die grosse freie Fläche einer Hausfassade beim Zürcher Hauptbahnhof gesprayt, hat für Jahre die Aufmerksamkeit Zugreisender kurz vor Einfahrt oder nach Abfahrt mit dem Wortspiel «Zü-rich – Zu-reich» auf sich gezogen. Das Haus wurde längst abgerissen und die Aufschrift ist damit verschwunden. Doch zu oft habe ich diese witzige, zum Nachdenken anregende Buchstabenumstellung gelesen, als dass sie auch aus meinem Gedächtnis gelöscht worden wäre.
Die Fragestellung nach dem, was mein Leben reich macht, lässt mich spontan erst einmal nach der Bedeutung von «reich» suchen, suggeriert sie ja doch viel mehr als nur das Gegenteil von arm und mittellos. Diese Termini sind sehr relativ und lassen sich mit einem rein materiellen Wertevergleich, worauf die Haus-Sprayerei wohl abzielte, nicht oder nur höchst einseitig und oberflächlich beantworten. Deshalb würde ich synonymisch lieber von einem erfüllten Dasein sprechen, in dem ich mich umfassend, mit all meinen Talenten, Facetten, unterschiedlichen Begabungen und Neigungen, in der mir zur Verfügung stehenden Lebenszeit einbringen darf.
Ich hatte viel Glück in meinem Leben, das kann ich mit zunehmendem Alter bewusster er- und bekennen. Es war mir dankenswerterweise vergönnt, einer inneren Kompassnadel folgend, schlimme Unfälle zu verhindern und einen Weg gehen zu können – auch wenn er nicht immer meiner Planung und Vorstellung entsprochen haben mag – welcher mir letztlich die richtigen Entscheidungen zu suchen half und, rückblickend beurteilt, an das rechte Ziel geführt hat. Das Finden einer inneren Balance sozusagen, die mich wiederum glücklich und zufrieden oder eben reich macht sowie dankbar für das Er-reich-te, von dem ich versuche, ein Stück meinem Umfeld zurückzugeben. So beispielsweise mit dem von mir gegründeten Bach Collegium Zürich oder über dieses Ensemble an die Zuhörerschaft (woraus jetzt das geflügelte Wort Brentanos abgeleitet werden könnte: Liebe ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt). Ich sehe dessen inzwischen 20-jährige Existenz auch als eine Art immateriellen Kontrapunkt zum örtlichen Wirtschaftsstandort und Welt-Finanzplatz Zürich; beide Seiten sind aufeinander angewiesen.
Fazit: Die vorgelegte Frage ist nicht neu. Seit Jahrhunderten haben grosse Denker immer wieder Antworten darauf gesucht. Und es gilt genauso für mich heute, aus der Dialektik meines Lebens einen Konsens zu suchen, der mir erst ermöglicht, unabhängig meinen eigenen Weg zu beschreiten – und meine Mitmenschen daran teilhaben zu lassen.

Prof. Dr. Bernhard Hunziker, künstlerischer Leiter des Bach Collegium Zürich und Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ist einer der 24 Porträtierten, die einen Gastbeitrag zum Thema «Was macht mein Leben reich?» verfasst haben.

Teilen: