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Unsere Städte wachsen unaufhaltsam und mit ihnen die Herausforderung, urbane Erscheinungsformen wirtlich zu gestalten. Dies für alle, die am städtischen Leben teilhaben. Die Frage sei erlaubt, wie es gelingen mag, Infrastruktur, Ökologie, Wirtschaft und soziale Aspekte unter einen Hut zu bringen, wenn es darum geht, auch soziale Aspekte in der zunehmenden Verstädterung unterzubringen. Wie kann Lebensqualität gedeihen, wenn viele Möglichkeitsräume nach und nach hermetisch abgeschlossen werden? Muss die Stadt des 21. Jahrhunderts neu erdacht werden? Oder wie kriegt man in einer Zeit des stetigen Wandels die Kurve zu mehr Beschaulichkeit? Anpassung und Optimierung bilden das Fundament und die Handlungsfelder, auf denen die Stadt aufzubauen ist – in allen Lebensbereichen. Darin sind sich die Macher der Stadt von morgen einig. Wir wollten erfahren, was in Zürich Sache ist und trafen Anna Schindler zu einer kleinen Stadtpromenade. Wir waren sehr neugierig, mehr darüber zu erfahren, wie die Zürcher Stadtentwicklung tatsächlich tickt. Anna Schindler ist Direktorin der Stadtentwicklung. Es gehört zu einer ihrer vornehmsten Aufgaben, die Wechselwirkung von gesellschaftlichen und architektonischen Formen des städtischen Lebens zu orten und zu hinterfragen.

Frank Joss: Anna Schindler, wir haben in Städten wie London und Paris einen hohen Urbanisierungsgrad. Man kann also nicht mehr in die Fläche gehen. In Zürich werden die Freiräume auch zusehends rarer. Und wenn die Fläche nicht mehr da ist, muss man halt Baulücken füllen. Können wir hinsichtlich gescheit genutzter Nischen etwas von Tokio lernen? Vom Kleinteiligen, das durch seine geniale Maximierung des Minimalen viele generös anmutende Wohnräume anpreist?

Anna Schindler: Nun, der Vergleich mit Tokio ist ein schwieriger, weil diese Stadt sich gefühlt alle 30 Jahre selbst erneuert. Wir jedoch bauen auf alter, tradierter Substanz. Schauen Sie, wenn man hier auf die Stadt herabblickt, sieht man lauter Gebäude aus dem späten Mittelalter. Wir haben nun mal eine Stadtarchitektur, die historisch gewachsen und daher schützenswert ist. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass wir vom japanischen «Lückenfüllen» lernen können. Aber so viele kleinteilige Freiräume haben wir gar nicht mehr. Falls wir doch noch einige finden, müssten sie wohl im vom Stimmvolk Ende November 2021 verabschiedeten kommunalen Richtplan Unterschlupf finden.

Welche wichtigen Ziele werden mit dem aktuellen Richtplan anvisiert? Hat er überhaupt noch ein Auge für informelles, unkonventionelles, unzeitgemässes Bauen? Oder verfolgt man ein allein seeligmachendes Regelwerk, in dem die so herrlich wiederentdeckte «freie Sicht aufs Mittelmeer» in den Nebelverfinsterungen von politischen Vorschriften nach und nach versinkt? Die gerufene grosse Geste urbaner Architektur, die an vielen Orten unserer Stadt Aufbruchstimmung verbreitet, würde alsdann ins Stocken geraten. Zurück zum kommunalen Richtplan von Zürich: Haben Sie für ihn eine Kurzformel?

Zum ersten Teil der Frage: Ja, das würde wahrlich bedeuten, an einem Ort anders zu bauen. Anders als es das Gesetz, die Regierung und das Baureglement vorsieht. Man könnte das höchstens in einer Zwischennutzung machen, bei der nicht klar definiert ist, was dort stehen soll. Allein Intermezzi des Ausfüllens von Baulücken in der Stadt Zürich werden die nötige Verdichtung nicht auffangen können. Wir haben im Stadtkern bereits eine sehr hohe Verdichtung. Nicht wie Berlin, das durch den Krieg von vielen zerstörten Gebäuden gezeichnet war, was teils eine radikale Stadterneuerung erlaubte. Zum Credo des Richtplanes: Zürich, «die Stadt der kurzen Wege», soll mehr Interaktion und mehr Umweltbewusstsein bringen. Denn in den vergangenen hundert Jahren folgten die Stadtplaner vor allem einer Ideologie – jener der Trennung: das Wohnen von der Arbeit, das Gewerbe und die Industrie vom Einkaufen. Jetzt sollen Wohnen, Arbeiten, Shoppen und das «Dolce far niente», die Freizeit, wieder im Quartier zusammenfinden. Die Stadtentwickler freut’s – die notorischen Verhinderer eher weniger. Sie bemäkeln das Heranzüchten von Pantoffelhelden, die das Paradies der kurzen Wege kaum mehr verlassen würden.

Stadtteile, die historisch gewachsen sind, kommen automatisch unterschiedlicher daher: Da gab es wirtschaftliche und geschichtliche Brüche und so konnte die Stadt langsam wachsen, lebendiger werden. Bei der Hafencity in Hamburg hatte man nur 20 Jahre Zeit, um einen gewissen Differenzierungsgrad hinzubringen. Wie wichtig sind diese Unterschiede? Hamburg zeigt im Stadtbild, bei aller Beauté ikonenhafter Architektur – wie jene der Elbphilharmonie – auch eine gewisse Typologisierung der Bauten und Strassenzüge. Wie muss man planen, um nicht den Stempel der Uniformierung aufgedrückt zu bekommen?

Zürich West und Zürich Nord gehören zu dieser Thematik. Mich fasziniert zum Beispiel Zürich West, eben gerade weil es noch überhaupt nicht fertig ist. Man sieht da zwar Sachen, die man heute anders machen würde. Aber es wird immer noch gebaut. Der Stadtteil entwickelt sich stetig weiter. In den 90er-Jahren ist er aus dem Gedankenansatz der kontinuierlich wachsenden Stadt-Physiognomie entstanden. Was ich bei diesem Industrieareal rund um den Mobimo Tower schwierig finde: Es hat kein Zentrum. Auch wenn sich bei der Hardbrücke etwas tut – ein Zentrum ist dabei noch nicht entstanden. Was nicht ist, kann aber noch werden.

Bei welchen Inhalten des Richtplanes ist es besonders wichtig, sich ihnen neu anzunähern; mit einer feinen Portion Zukunfts-Zuversicht?

Besonders gefällt mir der Ansatz, die Stadt als etwas Ganzheitliches anzuschauen. Man versucht, bestehende Parks und kleinere Grünräume miteinander zu verbinden, damit eine Art Netz entsteht. Das ist das eine. Das andere ist das sozialräumliche Monitoring – ein wichtiges Instrument zur Begleitung einer möglichst sozialverträglichen Entwicklung. Wir können damit auf Kleinquartier-Ebene sozioökonomische ebenso wie bauliche Daten erheben. So lassen sich die sozial vulnerablen Gebiete bestimmen. Diese befinden sich meist am Stadtrand. Dort, wo die sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen leben und die Bausubstanz erneuerungsbedürftig ist. Die Erhebungen werden uns helfen, mit gezielten Massnahmen sicherzustellen, dass die heute in diesen Gebieten lebenden Menschen nicht nach und nach aus dem urbanen Gefüge verdrängt werden.

Fazit: Es kann besser mit den Wachstumserwartungen umgegangen werden… Vor allem mit dem Anliegen, die Stadt auch für sozial Schwächere als begehrenswert zu erhalten.

Genau. Ich bin absolut für Wachstum. Es ist mitunter die wichtigste Antriebsfeder von Wirtschaft und Gesellschaft. Es braucht Platz für stadtwillige Firmen. Doch wie auch immer die Detailplanung daherkommen mag – sie muss sozialverträglich sein. Ohne Wenn und Aber.

In Hamburg gibt es Investoren und Institutionen, die sich zusammengetan haben, um eine neue Brache zu besiedeln. Sie entwickeln gemeinsam mit der Stadt gewisse Strassenzüge und entscheiden, welche Gewerbe sie da haben möchten. Die meisten dieser Gewerbe könnten sich das nicht leisten, weil es ein teurer Strassenzug ist. Deshalb werden sie von den Investoren und Institutionen finanziell unterstützt. So können auch Kleingewerbler dorthin ziehen. Und wenn diese Gegend wirklich lebt und es auch finanziell für die Mieter aufgeht, müssen sie schrittweise ein klein wenig mehr für ihre Räumlichkeiten bezahlen. Wäre das ein Modell, das sich auch in Zürich ansiedeln liesse?

Die SBB hat das in der Europaallee an der Lagerstrasse so gehandhabt. Heute macht es den Anschein, als habe das gut funktioniert, wider aller Erwartungen. Viele sind, lange bevor das Areal gebaut war, über den neuen Stadtteil hergefallen – oft sehr emotional: Die Mietzinse in den monströsen Bauten seien unbezahlbar. Das einst so herrlich wilde Arbeiterviertel sei zerstört worden. Man habe die Seele des Ortes verkauft. Nach Ansicht eines Stadtplaners sei die Planung «gründlich misslungen». Es gebe keine inspirierende Kombination von Nutzungen, und der Ort lade nicht zum Verweilen ein. Und jetzt sitzen wir beide da und schwelgen schon fast ein wenig im genüsslichen Leben, das hier mittlerweile Platz genommen hat. Es scheinen alle am farbigen Treiben teilzuhaben, als würden sie direkt auf diese Aufforderung von Regierungsrätin Jacqueline Fehr reagieren: «Teilhabe heisst, nicht für die Menschen, sondern mit den Menschen Politik zu machen.»

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