Die Verzauberung der Stille

Jaël

Vom tiefsten Emmental über London und New York geht die mehrwöchige Acoustic-Tour von Singersongwriterin Jaël und macht am 16. Dezember auch Station im Zürcher Kult-Jazzclub Moods.

Jaël
Zwei Gasträume. Die Wand dazwischen hochgeklappt. Die Tür ausgehängt. Eng gedrängt rund einhundert Personen um die Tische, die Beleuchtung von Kerzen bestimmt. An den Wänden alte Stiche. Alltagsszenen aus der Gotthelf-Zeit. Kaum drei Quadratmeter des alten Holzfussbodens sind frei. Dort gruppieren sich, ebenso dicht gedrängt, zwei Mikrofone, ein Keyboard, zwei Akustikgitarren. Die Luft schwirrt von der Wärme, den Gesprächen. Die Gesichter wirken lebhaft, angeregt. Das feine Essen, der gute Wein, die Freunde nebenan, die Nachbarn. Man kennt sich. Oder lernt sich kennen. Eine verhaltene Feststimmung liegt über dieser Gesellschaft, die sich extra aufgemacht hat hoch hinauf auf den Ferrenberg über dem malerischen Emmentaler Dorf Wynigen hin zum Gasthaus Zum Wilden Mann. Um Teil zu sein von etwas Besonderem. Das in seiner atmosphärischen Dichte jeden Einzelnen weit hinauskatapultiert aus dem Alltagsgängigen und gleichsam verführt zum Besten, das wir suchen, doch nicht immer zugeben, dass wir es brauchen: eben jenes Berührtsein. Jenes Aufgehenwollen im grossen Ganzen. Jenes Wegdriften und doch genau dort Ankommen, wo das Unbewusste uns bewusst hinsteuert. Das Fallenlassen von Masken und Begehrlichkeiten. Das entspannte Wissen um den Augenblick. Angstlos. Hingewendet zu sich selbst und dem, was da geschieht. Akustisch. Optisch. Die Sinne hochgespannt und doch gleichzeitig geweitet. In sich hineinsaugend die sanfte, warm-timbrierte Stimme der Sängerin Jaël, die mit Herzblut ihre Songs schreibt und ohne Vorbehalte ins Aussen trägt. Das zweite Set beginnt. Die Gitarre in der Hand erzählt Jaël vom Entstehen ihrer Lieder. Den Geschichten, die sie erzählen. Die Melodien jedoch, eingehüllt von unaufdringlichen Piano- und Gitarrenklängen und genau austarierter Zweistimmigkeit, erzählen in feinsten Nuancen von den Geschichten und Gefühlen hinter den Geschichten. Der Atem stockt ein bisschen und manch einer schluckt leer, als Jaël von der Kindheit ihrer Mutter singt, die sich als ganz kleines Mädchen aufmachte, ihr eigenes Glück zu erkämpfen. Dann ein Lächeln, das von Gesicht zu Gesicht der Lauschenden springt beim musikalischen Jubel über die grosse Liebe. Die Paare rücken näher zusammen. Hände greifen sich. Und am Ende der Blick nach oben oder ganz nach innen, als der letzte Song die Gotthelf‘sche Wohnzimmerheimeligkeit überrollt: Der alte Lunik-Song: „Through your eyes“ katapultiert uns dreizehn Jahre nach seiner Entstehung und nun im entschlackten akustischen Gewand auf eine Welle sanfter Melancholie, die fort und fort rollt …

Jaël

Im kleinen Zirkuswagen, der extra für die Musiker bereitsteht mit seinem Eisenöfchen und historischem Mobiliar, spreche ich mit Jaël. Über ihre Seelenlandschaften, ihre Angreifbarkeit in der Vergangenheit und ihre neue Stärke. Über ferne Grossstädte und die nahe Heimat hier, die viele Heimaten aushalten kann. Über den Schmerz von Erkenntnis und Verlust. Über Wandel und Verwandlung zu sich selbst. Über das Sichgleichbleiben. Über Wechsel und Beständigkeit, die wie zwei Welten sind in ihrer einen Jaël-Lebenswelt. Und über das Glück, im Neuen, Anderen und doch sich Ähnelnden Ruhe und Kraft zu finden für das Leben ganz im Augenblick und für die Neugier auf das Unerwartete, die bleiben wird. Die vom behüteten Kücken in der erfolgreichen Trip-Hop-Pop-Elektroband Lunik herangereifte Künstlerin, die genau weiss, was sie jetzt will und braucht und die von Träumen, die sich überlebt haben, Abschied genommen hat, wirkt hier mit einer Tasse Grüntee in der Hand genauso natürlich wie drüben am Set beim Singen. Ihre Offenheit berührt mich. Es ist kein wirkliches Interview. Es ist mehr ein Gespräch. Ich frage, lausche, werfe etwas ein, wir lachen. Jaëls Gradlinigkeit betört, verführt. Ihr feiner Humor, der wieder und wieder aufblitzt, mildert die Ernsthaftigkeit ihrer Worte.
Warum sie gerade diesen Ort ausgesucht habe, frage ich sie. „Ich suchte nach Wohlfühlorten für ein Publikum, das sich einen schönen Abend wünscht, wo Leute hinkommen, die genau das schätzen und wirklich zuhören. Dann stimmt es für mich und für die Leute auch und daraus entsteht eine schöne Energie, die mir sagt, das passt jetzt hier ganz genau.“ London sei doch eigentlich ihre Traumstadt. Warum wohnt sie denn immer noch hier? „London ist wie mein zweites Zuhause. Ich habe schon einmal ein Jahr dort gelebt und meine Schauspielausbildung gemacht. Doch dann musste die Entscheidung fallen, in London zu bleiben, von vorn anzufangen und wahrscheinlich den Freund zu verlieren oder zurückzugehen, zu heiraten und auf das aufzubauen, was ich zu Hause habe. Ich liebe die Grossstadt immer noch ab und zu. Doch ich liebe auch die Ruhe zum Sortieren, zum Schreiben, zum Kreativbleiben. Und ich liebe Bern mit der Nähe zum Fluss, zum Tierpark, zum Spazierengehen, wann immer ich will. Doch ich kann jederzeit nach London gehen und bei Freunden wohnen, wenn ich mir Inspiration holen will aus dem wirbelnden Bienenstock dort. So habe ich beides. Das ist ideal für mich.“ In Jaëls Biografie gab es vor drei Jahren den harten Bruch, nachdem die Band sich aufgelöst hatte. Ob sie das als starken Wandel in sich selbst empfunden habe, frage ich sie. „Im Moment, als es passierte, war es ein Schock, ein sehr grosser Wechsel, der mit Ängsten und viel Glatteis verbunden war. Und irgendwie sass nach fünfzehn Jahren immer noch hinten in meinem Kopf das achtzehnjährige Mädel von damals, vom Beginn, das mir einreden wollte, dass ich es nicht schaffe, das allein durchzustehen, allein anzupacken. Doch irgendwann merkte ich, ich bin ja gar nicht allein. Und ich bringe ja schon Erfahrungen mit, weil ich immer wieder mal auch früher mit anderen Leuten zusammen geschrieben oder Featurings gemacht hatte.“ Jetzt auf ihrer Acoustic-Tour spielt sie zusammen mit Cédric Monnier und Domi Schreiber – auch nicht allein. „Ja, ich bin halt trotzdem ein Familienmensch“, lacht sie. „Und deshalb ist es super, dass Cédric und Domi dabei sind. So ist es sehr ähnlich wie damals. Nur dass ich das finanzielle Risiko jetzt selbst trage und die Entscheidungen noch viel mehr auf mich zurückgehen.“ Von Luk Zimmermann, dem Macher von Lunik, ist noch die Rede und von ihrer nie leichten Beziehung, die sich dank der Bandauflösung entspannen konnte. Wodurch unterdessen sogar wieder die Zusammenarbeit für ein musikalisches Projekt möglich war. Und davon, dass sie jetzt viel mehr auf sich achtet als zu den Zeiten, als sie sich pushte, selbst mit Fieber oder Panikattacken noch auf der Bühne zu stehen. Entschleunigen will sie, mehr Zeit für Mann, Familie, Freunde haben, Strukturen aufbauen und Rhythmen, die gesünder sind. „Und solche Konzerte wie heute machen. Da fliesst es einfach. Ich glaube, man hat gespürt, dass ich wohl in meiner Haut war und total relaxt. Ich musste nicht so tun als ob und die Leute auch nicht, und dann war es plötzlich ganz einfach.“
Einfach. Das Singen, das Verführen, das Entfalten einer Verzauberung, die weiterwirkt. Ich verlasse den Zirkuswagen. Drüben im historischen Emmentaler Gasthaus blinken die Fenster mit freundlicher Wärme hinaus in die Dunkelheit. Über mir sind die Sterne. Klar. Fern und doch nah. Und still. Eine Stille, die greifbar ist. Und hörbar wie gerade eben noch im Lunik-Stück „Through your eyes …“.

Die limitiert erscheinende CD „Jaël Acoustic“ kann man bei den Konzerten kaufen oder über die Website bestellen: http://www.jaelmusic.ch

Unbedingt eine Reise wert: Das Restaurant Zum Wilden Mann, Ferrenberg ob Wynigen, 3474 Rüedisbach, http://www.wilde-maa.ch

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